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DIE RELIGIÖSE PROBLEMATIK BEI FRANZ KAFKA

01 ianuarie 2013 Adrian Majuru Science and Culture

(-Versuch einer Deutung-)

Kurze Einführung

Der Versuch, Kafkas Werke zu deuten, erscheint wie ein Irren durch ein unendliches Labyrinth, mit zahllosen Ein- und Ausgängen. Eine allgemeingültige Interpretation seiner Werke kann es nicht geben. Das Ziel, die einzig richtige Interpretation zu finden, ist unmöglich zu erreichen. Kafkas Texte sind von Ambiguität durchdrungen. Es gibt keine richtige oder falsche Interpretation von Kafkas Werken, es gibt nur Facetten ein und derselben Sache. Kafka selbst scheint seine Werke nicht deuten zu können, ihm bleiben seine Schriften vielleicht genau so geheimnisvoll wie der modernen Kritik. In einem Brief an Felice Bauer meint er: “Das Urteil ist nicht zu erklären […] die Geschichte steckt voll von Abstraktionen.”[1]

Es ist möglich, Kafkas Werke aus vielen verschiedenen Perspektiven zu interpretieren. Jeder Kritiker versucht diese Schriften auf seine eigene Art zu verstehen und ihnen ein Sinn zu verleihen. Eine soziologische Interpretation macht aus Kafka einen Kritiker der Gesellschaft und der wachsenden Bürokratie, eine psychologische Interpretation wird das Leiden und die Beklemmung des Individuums in einer absurden Welt in Kafkas Werken analysieren.

In dieser Arbeit aber werde ich nach einer anderen Deutungsperspektive greifen, nämlich einer religiösen. Im Zentrum meines Interesses befinden sich zwei Aspekte, die nacheinander in dieser Arbeit analysiert werden. Das erste Objekt meiner Analyse besteht in der Funktion und  Transformation der Mythen in Kafkas Werk. Die Stellung Kafkas zu den antiken Mythen und wie er mit den mythologischen Inhalten umgeht, wird Gegenstand dieser Arbeit sein. Ich werde den Zusammenhang zwischen der mythologischen Tradition und der modernen Welt zu behandeln versuchen, wie auch die Beziehung zwischen den göttlichen Instanzen und den Menschen.

Das zweite Objekt meiner Analyse ist Kafkas Stellung zur Religion. Unter dem Aspekt der Suche nach Gott und nach dem Heiligen werde ich Kafkas Werke interpretieren. In Kafkas Erzählungen und Romanen, wie auch in den Aphorismen, vereinigt sich der traditionelle biblische Glauben mit jüdischer Mystik, mit Philosophie und mit dem originellen Denken des Schriftstellers. Kafka übernimmt religiöse Ideen, aber deutet sie um. Er überträgt die himmlischen Machthierarchien  in die menschliche Welt. Diese verfallene Welt der Sterblichen ist das Ebenbild der ewigen Welt. Der Vater wird zu diesem kierkegaardschen absurden Gott, der immer eifersüchtig und rechthaberisch sich gegenüber der Menschheit zeigt. Kafka behandelt das Problem der Sünde und des Sündenfalls  – in Frage kommt dann ein notwendiger Verfall wegen dem Zorn Gottes über die Menschenfamilie – und stellt in den Mittelpunkt seiner Werke die Figur des Vater-Gott, der als himmlischer Richter seine Lüge zur Wahrheit der Welt macht. Biblische und kabbalistische Elemente verbinden sich in Kafkas Schriften, wie auch ostjüdische Volkslehren hinzugefügt werden.

Kafka lässt sich von dem Pessimismus und Negativismus seiner Periode beeinflussen. Die Krisen des 20. Jahrhunderts, der Erste Weltkrieg, die Entmythologisierung der Welt durch die reine Rationalität und die Industrialisierung üben einen klaren Einfluss über das Denken und Fühlen des Menschen und über seine Art und Weise die Welt zu verstehen und zu deuten aus. So ist Kafka nicht der Einzige, der mit dem religiösen Problem des Individuums in einer von Gott verlassenen Welt umgehen muss. In dieser Zeitspanne waren Nietzsches Werke bekannt. Sein berühmter Satz “Gott ist tot!” ist ein Schrei der ganzen Menschheit und erregt Angst und Unsicherheit. In derselben Zeit spielten auch die Werke des dänischen Theologen Kierkegaard eine große Rolle: Seine Schriften bilden den Ausgangspunkt des Existenzialismus. Die Entwicklung der Psychoanalyse durch Freud erzeugte auch einen starken Widerhall in der Gesellschaft. Die Psychiatrie wird die Religion als eine Krankheit behandeln, sodass sie dem religiösen Glauben den mystischen und erlösenden Charakter raubt.

Dem Schriftsteller Kafka bleiben diese neuen Bewegungen nicht fremd. Er übernimmt Motive aus der antiken mythologischen Tradition und macht aus sinnstiftenden Elementen sinnzerstörende Elemente. Die primordiale Funktion der Mythen wird nicht nur infrage gestellt, sondern wird total beseitigt oder verneint. Die Götter des antiken Griechenlands werden von Kafka dekontextualisiert und als Verkörperung der sterbenden Götter des 20. Jahrhunderts betrachtet. Der Sinn der Mythen wird ins Negative gewandt. Indem die Götter sich ihrem Untergang nähern, bleibt der Mensch in seiner richtungslosen Welt verlassen. Er wird zu einem Opfer seiner eigenen Ängste und Seelenqualen, von Zuständen, die er jetzt nicht mehr überwinden kann.

Einige Werke Kafkas mit mythologischen Themen (wie das „Schweigen der Sirenen“ oder „Prometheus“) wurden von Forschern schon aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.. Es gibt jedoch noch viele Texte, die in der Kafka-Forschung nur kurz erläutert wurden, aber, meiner Meinung nach, nicht ausreichend. Die vorliegende Arbeit soll diese Lücke schließen, indem sie eine Deutung weniger bekannter und bearbeiteter Texte und Fragmente Kafkas in den Mittelpunkt rückt. Gleichzeitig werde ich dem Leser eine eigene Interpretation der Werke, die sich mehr der Aufmerksamkeit der Kritiker gefreut haben, vorlegen. Ich hoffe somit, einen originellen Beitrag in der Kafka-Forschung zu erbringen.

In dieser Arbeit werde ich versuchen, Kafkas Umgang mit dem religiösen Glauben zu erläutern und die Verhältnisse zwischen Gott und Menschen in Kafkas Werk zu analysieren. Indem Kafka eine Art Gesellschaftskritik übt, kritisiert er auch die Ungerechtigkeit der göttlichen Instanzen die in das menschliche Leben auf einmal aufbrechen und alles zerstören. Zuerst werde ich die Funktion der Mythen wie auch die Widerspiegelung dieser Konstrukte in Kafkas Werk dastellen. Zweitens wird eine Analyse der Texten mit mythologischen Gehalt unternommen. Gleich danach werde ich das Thema des Heiligen behandeln und zu religiösen Schriften wie der Kabbala und der Bibel, greifen um die Rolle der Religion in den bekanntesten Werken Kafkas vorzubringen. Da Kafka selbst keinen einheitlichen religiösen Glauben vertritt, ist es unmöglich über ein Glaubenssystem zu sprechen, so dass ich hier die einzelnen Glaubensrichtungen in Kafkas Denken und Schreiben analysieren werde.

Im Rahmen der Analyse sollen sowohl Kafkas Erzählungen und Fragmente als auch seine persönlichen Schriften, wie etwa Tagebücher und Briefe, Beachtung finden.

Eine vergleichende Analyse der verschiedenen Interpretationsrichtungen, welche die Sekundärliteratur vorschlägt, soll als Ausgangspunkt einer persönlichen Deutung von Kafkas Schriften dienen. Diese strebt an, einen verbesserten Zugang zum Werk des Dichters zu ermöglichen.

autor: Cristina Mărculeț-Petrescu


[1]                  Kafka, Franz: Briefe an Felice Bauer. Tübingen 1970, S.396.

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